Baby 0-12 Monate | babyled weaning | beziehungsorientiert | BLW | Windelfrei

Warum ich gegen „windelfrei“ und „breifrei“ bin

November 4, 2015
Manch Leser mag das zunächst erstaunen, aber es stimmt: Ich bin gegen „windelfrei“ sowie ich gegen „breifrei“ bin. Natürlich nicht gegen die Praxis die dahinter steckt, sondern gegen die Wörter an sich. Warum? Ganz einfach, sie implizieren ein Bild, das ich nicht richtig und sogar irreführend finde.

Erst neulich hab ich mit befreundeten Mamis die beiden Begriffe thematisiert. Und nun hab ich online eine Diskussion mitverfolgt, die mir die Zehennägel aufgestellt hat. Im Grunde fragte eine Mutter nach Tipps für Windelfrei und das wurde von einer Hebamme beantwortet. Darunter ergoss sich innerhalb von Minuten ein Shitstorm der allerersten Klasse. Von Kindesmisshandlung war die Rede, es wurde sogar mit dem Jungendamt gedroht und bei all den Kommentaren blieb mir ein Bild im Kopf hängen: Die wissen ja gar nicht, was windelfrei bedeutet. Da wurde vorgeworfen, man zwinge das arme Baby zu einem nicht altersentsprechenden Verhalten, psychische Störungen wurden vorausgesagt und man unterstellte der Mutter egoistisches Wettbewerbsverhalten. Aber warum? All diese lauten Schreier gingen anscheinend davon aus, dass das Kind stundenlang übers Klo gehalten würde, kritisierten die Praxis, ein noch nicht sitzendes Kind stundenlang am Klo festzuhalten usw. Und da kam es mir: Die reden von Sauberkeitserziehung! Anscheinend dürfte der Begriff „windelfrei“ mit „Sauberkeitserziehung/ Töpfchentraining“ gleichgesetzt werden und natürlich ist das bei einem so kleinen Baby (in den Artikel gibt’s um ein 3,5 Monate altes Kind) in keinster Weise angemessen.
Auch mir wurde schon vorgeworfen, ich würde mein Kind konditionieren, wie einen Hund trainieren und es ist schwer dieses Gedankenbild aus den Köpfen der Leute endlich mal wegzuschaffen. Windelfrei bedeutet nicht, dass das Kind nicht mehr in die Windel macht und/ oder selbstständig auf die Toilette geht, wenn es ein Bedürfnis verspürt.
Windelfrei bedeutet, dass das Kind sein Bedürfnis nach Ausscheidung signalisiert, eine Fähigkeit mit der jedes Baby auf die Welt kommt, und dann eine Reaktion der Bezugsperson erfährt – ein zur Kenntnis nehmen, wenn es die Situation ermöglicht ein Abhalten (übrigens eine Position, die die Ausscheidung massiv erleichtert!) oder aber auch in unpassenden Situationen mittels eines Signallauts ein Vermitteln, dass das Signal erkannt wurde. Dank dieser bestätigen Reaktion der Bezugsperson verlernt das Baby sein Signalisieren nicht, was bei Nichtbeachten ungefähr nach ab dem 3. Monat passieren würde.
Wieso ist das Wort windelfrei so ein Signalwort für alle Windeleltern? Ganz einfach: Da steckt das kleine Wörtchen „frei“ drin. Im Umkehrschluss bedeutet „nicht windelfrei“ zu sein auch „nicht frei von Windeln“ zu sein. Es wirkt, als wäre man als nicht windelfrei Praktizierender an ein System gebunden, als wäre man gefangen. Und niemand will gefangen sein. Freiheit zur eigenen Entscheidung und dem eigenen Handeln ist ein hohes Gut und niemand will sich selbst als nicht freier Mensch definieren lassen, schon gar nicht von anderen Menschen.
Ich persönlich finde daher den Begriff windelfrei als befremdlich, zumal die meisten windelfreien Kinder sehrwohl eine Art BackUp tragen. Eine Unterhose, teils mit einem kleinen Stoff drinnen, eingelegt oder sogar eingenäht; eine Mullwindel mit einem Windelgürtel schnell fixiert oder aber auch, ja, Windeln! Windelfrei kann auch gern mit Windeln praktiziert werden! Dieses BackUp dient nur zur Sicherheit. Falls das Kind in einem Moment signalisiert, in dem ein Abhalten nicht möglich ist, hat es so die Möglichkeit sich zu erleichtern ohne dass ein kompletter Kleidungswechsel notwendig ist. Auch in ungünstigen Momenten ist eine Windel ganz praktisch, in unserem Fall z.B. wacht der kleine Hase beim nächtlichen Abhalten so auf, dass er putzmunter für 1-2 Stunden spielen will. Das bringt ihn total aus dem Konzept und er ist tagsüber launisch und mürrisch. Daher halten wir ihn nachts nicht mehr ab. Abend bekommt er eine Windel drauf und morgens ziehen wir sie ihm wieder aus. Und ja, er hat über Nacht hineingepieselt 😉
Ich hab jetzt schon einige alternative Begriffe zu „windelfrei“ gelesen, aber meist passen sie nicht genau auf das, was gemeint ist. „Artgerecht“ meint viel mehr als nur die Ausscheidung. „Eliminication“ braucht eigentlich immer die Erklärung dazu, dass es eine Wortverknüpfung ist. Und unter „natürliche Säuglingspflege“ stellen sich die meisten auch Kräuterbäder und Ölfeuchttücher vor… Ich denke, es mangelt hier einfach an einem alternativen Wort, das zu verstehen gibt, was gemeint ist ohne gleichzeitig ein Dogma auf das Gegenteil zu setzen.
Genauso sehe ich das übrigens bei „breifrei“. Auch hier fehlt einfach ein passendes Wort. „Fingerfood“ beschreibt zwar ganz nett, den Vorgang, aber es gehört zu BLW viel mehr dazu, als nur Fingerfood anzubieten. Auch breigefütterte Kinder bekommen immer wieder mal was in die Hand zu knabbern und stolze Mütter rühmen sich, ihr Kind bekäme BLW. Doch das stimmt ja so nicht. BLW, also baby led weaning, meint wortwörtlich übersetzt „die vom Baby geleitete Entwöhnung (der Muttermilch/ Prenahrung)“. Da ist es mit Fingerfood an sich nicht getan. Die deutsche Übersetzung „breifrei“ finde ich aber genauso ungünstig gewählt, wie „windelfrei“, denn natürlich kann man bei BLW auch Brei anbieten. Dicke Cremesuppen, Grießbrei und Co sind hier auch der Renner, es bedarf halt nur ein wenig Überlegungen, um dem Kind zu ermöglichen, nach wie vor autonom die Nahrung zu sich nehmen zu können, ohne auf ein Füttern zurückzugreifen. Dazu gibt es viele Möglichkeiten, wir nutzen gern den Dipper aus dem MAM-Set oder aber auch Brot und Zwieback. Auch Gemüsesticks eignen sich gut zum Dippen und werden gerne zuerst abgelutscht und dann gegessen. Manchmal biete ich ihm sogar den gefüllten Löffel an. Nein, ich füttere ich damit nicht, ich schieb es ihm nicht in den Mund. Er entscheidet selber ob er ihn annimmt und essen mag. Dazu fülle ich einen geeigneten Babylöffel mit der breiigen Zutat und halte sie ihm vor den Brustkorb in Sicht- und Greifweite, genau dort, wo auch sein restliches Essen liegt. Manchmal ignoriert es es gänzlich oder schiebt es weg, manchmal aber nimmt er den Löffel, tapst mit den Fingern in den Brei, um die Konsistenz zu erforschen und schiebt sich dann selber den Löffel in den Mund. Ich halte hinten nur sporadisch, um etwaige Verletzungen zu vermeiden. Aber ja, er hat sich den Löffel zu Beginn immer wieder mal in den Rachen geschoben. Muss auch sein, denn nach einigen Fehlversuchen passiert ihm das jetzt nicht mehr. Wir sind also weit entfernt von „breifrei“ und ich möchte mich nicht bei Unwissenden rechtfertigen müssen, wenn ich meinem BLW-Kind breiartige Konsistenzen anbiete.
Der komplett übersetzte Begriff „vom Baby geleitete Muttermilchentwöhnung“ klingt zwar schlüssig und erklärt meiner Meinung nach auch genau das, was gemeint ist, aber es bedarf erfahrungsgemäß trotzdem ein wenig Erklärung… Ich bin daher immer noch auf der Suche nach den passenden Begriffen für breifrei oder windelfrei. Denn diese beiden Begriffe machen mich nicht glücklich. Immerhin sind wir windelfrei MIT Windeln und breifrei MIT Brei 😉

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