Beschwerden | Schwangerschaft

Perinatale Depression

Oktober 3, 2016

„Ja warum hast denn nix gesagt?“
„Wir hätten dir doch helfen können!“

Wie fängt man denn mit so einem Thema an… Es ging mir schlecht. Natürlich ging es mir schlecht. Ich hatte ja auch diverse körperliche Einschränkungen in dieser Schwangerschaft. Es hat ja schon ganz ungünstig angefangen. Selbstverständlich war ich niedergeschlagen, hatte traurige Phasen, musste viel weinen. Mein Leid wurde zwar immer wahrgenommen, aber in der Hilflosigkeit der vermeintlichen Helfer wussten die auch nichts anderes beizutragen als „Na wenigstens bist du schwanger“ und schon war da diese fiese kleine Stimme in meinem Kopf, die mich ermahnte, gefälligst glücklich zu sein. Immerhin ist mir etwas vergönnt, was unzähligen anderen Menschen nie möglich sein wird.

Dann kamen die ersten Erkrankungen, ich durfte nicht mehr arbeiten, musste mich schonen und im Krankenhaus bleiben. Mir gings nicht gut, nicht nur meinem Körper, sondern auch meiner Seele. Ich wollte nicht mehr. Aber auch jetzt bekam ich meist nur den Floh ins Ohr gesetzt, ich solle mich an meinem kleinen Bauchwunder erfreuen. Also war ich wieder still, hab meine Bedenken weggeschoben.
Bei jeder Untersuchung, bei jeder Kontrolle, bei jeder neuen Erkrankung wurde ich gefragt, wies mir geht. „Mir gehts irgendwie nicht so gut“. Als Antwort kommt ein nettes Lächeln, ein mitfühlender Blick meist inklusive zur Seite geneigtem Kopf und verständnisvollem Nicken. Man wisse Bescheid über mein Leiden, man wolle mir helfen, die Schmerzen lindern und immerhin ist es ja zeitlich begrenzt. Aber die körperlichen Schmerzen sind nur eine Sache. Mir geht es irgendwie in der Seele nicht gut. „Denken Sie immer daran, dass es sich lohnt, immerhin bekommen sie ein Baby“.
Ja stimmt ja, eigentlich sollte ich mich über meinen kleinen Bauchzwerg freuen.
Von Woche zu Woche geht es mir schlechter. Zuerst bleibt der Haushalt liegen. Als ich mich traue, das in meinem Umfeld anzusprechen, werde ich nur beruhigt. Immerhin sei ich ja schwanger und habe ein Kleinkind zu versorgen. Da sei das ganz normal.
Dann merke ich, dass ich immer weniger Geduld aufbringe. Nicht für mein Kleinkind, nicht für meine Katzen und auch nicht für meinen Mann. Meist sind es nur stundenweise Phasen, in denen ich mich komplett alleine gelassen fühle, in Heulkrämpfe ausbreche und eigentlich nur weg will. Raus hier, egal wo hin, alleine sein, den Kopf frei bekommen, einfach mal an nichts denken müssen, für michts verantwortlich sein müssen. Aber auch als ich das anspreche versichert man mir, das sei ja ganz normal, immerhin gebe ich mich ja für mein Kind selber auf. Ich soll doch abstillen, oder vielleicht mein Kind doch in Fremdbetreuung geben, es zumindest ins Kinderzimmer schlafen legen. Aber ich hab kein Problem mit dem Stillen und da der kleine Hase schon von Anfang an durchgeschlafen hat, hab ich auch kein Problem mit dem Familienbett. Fremdbetreuung fühlt sich gerade so unpassend an, das kann nicht sie Lösung sein. Und meist gehts mir ja gut. Es sind halt nur Phasen.
Die Phasen kommen häufiger, die Minuten werden zu Stunden und irgendwie komm ich langsam aber sicher nicht mehr aus meinem Loch heraus. Ich kümmer mich um unseren Sohn, ich liebe ihn auch, aber es hat sich was verändert. Und der kleine Mann ist der beste Spiegel, den man mir vorsetzen kann. Er zeigt mir genau auf, dass was nicht stimmt. Deutlicher als er kann man mir wohl kaum mein Versagen ins Gesicht klatschen. Es reicht – Ich brauch Hilfe!
Zunächst versuche ich es noch vage: Eine Putzfrau, gelegentliche Spieltreffs ohne mich, Aktivitäten nur mit dem Papa, freie Abende, aber es klappt nicht.
Jetzt ists mir zu viel. Ich bin so fertig, dass ich einen Nervenzusammenbruch erleide. Mein Liebster macht sich Sorgen, weiß nicht, wie er mir helfen kann. Dann noch der Supergau, eine Freundin kündigt mir die Freundschaft, weil ich mich zu wenig um unsere Freundschaft kümmere. Ich schreie nur noch, hyperventiliere, kann nicht mehr atmen, mein Brustkorb schnürt sich zu.
Meine Schwester kann mir dann akut die erste Hilfe empfehlen. Der Psychosoziale Notdienst – kann ich echt empfehlen! Die haben sich erstmal meiner angenommen und gemeinsam einen Plan erstellt, wie ich die nächsten Stunden schaffe, danach übernimmt mich die Leiterin eines Projekts für pränatale Depression.
Pränatale Depression… das haut rein.
Depression… das hört sich so abgestempelt an. Als würde jetzt ein riesiges Logo auf meiner Stirn brennen: Die hat einen an der Klatsche!
Die Erstaufnahme ist zunächst sehr breitgefächert, wird dann aber immer fokkusierter. Im Gespräch wird mir auf einmal bewusst, dass ich seit Monaten nur 2-3 Stunden pro Nacht schlafe… Bevor also mein Cortisolspiegel nicht erstmal wieder runter ist, bin ich zu nichts zu gebrauchen. Daher bekomm ich erstmal ein Mittel, das gegen die depressiven Phasen und die Schlafstörungen helfen soll. Es ist explizit für Schwangere und Stillende ausgekennzeichnet… dürfte wohl nicht so selten vorkommen…
Die nächsten 3 Tage schlafe ich mehr oder weniger durch. Ich schlafe so tief, dass mein Liebster mich morgens nicht wach bekommt, als er zur Arbeit will und sich deswegen spontan einen Urlaubstag nehmen muss. Die Folgetage wird besser, mein Schlaf ist wieder etwas leichter. Ich wach vom Wecker auf, meine Stimmung bessert sich phasenweise. Ab und zu überkommt mich ein euphorisches Gefühl, das nutz ich und feg wie ein Putzteufel durch die Wohnung. Meist bin ich aber körperlich doch recht erschöpft. Es kommen ständig Leute zu mir, meine Mama, Freunde, Familie, damit ich nicht alleine bin. Sie spielen mit Krümelchen, nehmen mir Arbeit ab, so dass ich einfach mal auf der Couch sitzen kann. Ich hab das Gefühl, es bessert sich. Bald hab ich erneute Kontrolle bei meiner Betreuuerin, telefonisch bin ich regelmäßig in Kontakt mit ihr. Ich glaub, wir sind auf dem richtigen Weg…

Nie nie niemals hätte ich gedacht, dass mich das so derartig überrumpeln könnte. Ich hätte gedacht, eine Depression rechtzeitig erkennen zu können, vorzeitig eingreifen zu können. Und um ehrlich zu sein hätte ich bei unserem enormen Kinderwunsch nie daran gedacht, dass mich eine pränatale Depression ereilen könnte…
Ich hab für mich gelernt, dass ich viel früher hätte Hilfe suchen müssen. Zu lang hab ich es nicht ernst genommen, hab gedacht, es sei eh normal, dass ich mich überfordert fühle. Ich hätte es besser wissen müssen, ich hätte mich besser kennen sollen.

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