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Mein Verhältnis zur Kaiserschnittnaht

Juni 15, 2015

„Wie kommst du mit der Naht zurecht?“ „Gar nicht – wir haben kein Verhältnis. Ich hab sie nicht eingeladen und sie ist trotzdem da.“
Das beschreibt so ungefähr die Beziehung zu meiner Kaiserschnittnaht… Ob das für die Psyche gesund ist? Wahrscheinlich eher nicht so, aber ehrlich gesagt hatte ich immer noch keine Zeit, mich mit dem auseinander zu setzen, was mir am Tag von Krümelchens Geburt widerfahren ist.

Ich möchte nochmals betonen, dass ich bis zuletzt eine selbstbestimmte Geburt hatte. Und jetzt so im Nachhinein betrachtet, denke ich, dass das Krankenhausteam von Anfang an vermutete/ befürchtete, dass es in einem Kaiserschnitt enden wird. Immerhin wurde ich schon vor der Geburt und während der 25 Stunden Wehen mehrmals darauf vorbereitet, dass es eventuell nicht anders machbar sein wird. Doch da das für mich immer ein absolutes NoGo war, wollte ich mich schlicht und einfach nicht damit befassen. Wahrscheinlich hat das dortige Personal gespürt, dass ich nicht bereit für so einen Eingriff bin, vielleicht haben sie auch meine positive Kämpfernatur erkannt, auf jeden Fall haben sie mir den Versuch zugestanden und haben mich während des ganzen Prozesses in meinem Vorhaben unterstützt. Umentschieden wurde eigentlich erst, als es gar nicht mehr ging. 3. Geburtsstopp trotz voll aufgedrehtem Wehentropf, inzwischen wieder zuschwellender Muttermund, der seit Stunden nicht mehr aufging, verfärbtes Fruchtwasser, Nabelschnur 2mal um den Hals, abfallende Herztöne, Hintere Hinterhauptslage und Symphysenlockerung sind halt wahrscheinlich 1 oder 2 Punkte zuviel, um eine natürliche Geburt zu schaffen. Und auch wenn ich irgendwie trotzdem auf mich stolz bin, allein ob des Versuches, nagt es zeitweise an mir, einen Kaiserschnitt gehabt zu haben.
Gar nicht so sehr der Gedanke, dass ich meinen Sohn nicht natürlich auf die Welt bringen konnte, belastet mich, sondern vielmehr die Gedanken an die Operation an sich. Ich weiß, dass es für seine und meine Gesundheit nicht mehr anders ging. Und auch die Tatsache, dass er das Bonding mit seinem Vater und nicht mit mir hatte, stört mich nicht, denn immerhin forcieren wir ja eine möglichst gleichgestellte Erziehung inklusive Pumpstillen, damit auch der Papa füttern kann. Es hat auch in keinsterweise der Mutter-Kind-Beziehung geschadet, denn ich vergöttere unseren Sohn über alles und es hat von Anfang an zwischen uns gefunkt.
Das, was mich belastet, was mir teilweise Kummer bereitet und mich in meinen Träumen verfolgt, ist einzig und alleine ganz egoistisch gesehen: Ich wurde bei lebendigem Leib aufgeschnitten. Mit einem Skalpell wurde meine Bauchdecke geöffnet bis zur Gebärmutter, welche dann aufgerissen wurde, um zum Kind zugelangen. (Eine Methode, die eine leichtere und schnellere Heilung verspricht…) Meine Gedärme lagen offen da, meine Bauchhöhle war „an der frischen Luft“, ich war offen. Und auch wenn ich es selber nicht gesehen habe und mir bewusst keinen Kaiserschnitt angesehen habe, weder auf Bildern noch in Videos, habe ich eine recht blühende Phantasie und ein wenig Basiswissen, wies da unten so aussieht, also hab ich trotzdem ständig diese Bilder vor Augen…
Ich habe keine Schmerzen, hatte ich eigentlich von Anfang an nicht wirklich. Die eigentlichen Probleme waren nicht direkt bei der Naht sondern vielmehr dank des in Mitleidenschaft gezogenen Nervs viel weiter links. Aber trotzdem hab ich meine Naht in den letzten 8 Wochen vielleicht 10 Mal gesehen. Nein halt, das wäre zu oft. Die ersten Wochen hab ich sie gar nicht angesehen und jetzt schau ich ca. einmal pro Woche drauf. Ich will sie einfach nicht anschauen. Jeder Blick lässt mich erschaudert, bedeckt meinen ganzen Körper mit Gänsehaut und lässt die Gruselbilder in meinem Kopf aufkommen. Viel schlimmer aber ist es dann, wenn ich sie berühre. Diese Stelle, die Naht und ein stattliches Gebiet rundherum ist nach wie vor komplett berührungstaub, ich spüre einfach nichts. Ärgerlich ist das teilweise im Alltag, wenn ich mit dem Unterleib wo ankomme (z.B. Wäscheständer oder aber auch Waschmaschine, wenn ich mich bei unserem Toploader hineinbeuge, um die Wäsche zu holen,…) und es einfach nicht spüre. Da der Gegendruck fehlt, lehne ich mich weit mehr drüber, als sonst und dann, wenn es anscheinend zu weit ist, spüre ich einen kleinen Stich, der mich daran erinnert, dass ich mich z.B. beim Schminken nicht über das Waschbecken, sondern schon fast in das Becken hineinlehne…
Das Nachsorgegespräch hat mich auch nicht wirklich beruhigt: Ich werde wohl ein gutes halbes Jahr da unten nichts spüren und noch viel schlimmer: In die Zukunft blickend wird wohl die zweite Geburt ebenfalls ein Kaiserschnitt sein. Mein Bindegewebe ist so schwach, meine Narbenbildung so unvorteilhaft, dass die Chance einer natürlichen Geburt zwar mit dem zeitlichen Abstand der Kinder wächst, aber es wohl trotzdem zu einer OP kommen wird… aber diese Gedanken schiebe ich inzwischen mal zur Seite, jetzt sollte ich erst mal lernen mit der aktuellen Situation zurecht zu kommen. Sollte ich… doch dann schießen fiese Gedanken in meinen Kopf und ich denk mir, glücklicher bin ich, wenn ich sie ignoriere. Und ich bin glücklich, sogar sehr. Der kleine Hase erfüllt mich mit unendlich viel Liebe, sein Papa bringt mich täglich zum Strahlen, die beiden zusammen sind einfach mein pures Glück. Das ist es, worauf ich mich jetzt lieber konzentriere… Dass ist es, was mir diese erste Zeit so erleichtert, sodass ich bestmöglich für den kleinen Hasen da sein kann.
Für meinen eigenen Körper wird wohl noch etwas Zeit verstreichen müssen, der muss warten. Jetzt will ich mich einfach noch nicht mit meiner Kaiserschnittnaht beschäftigen… jetzt noch nicht…

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