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Das „brave“ Kind

August 15, 2015

Immer häufiger stoße ich auf den Begriff des „braven“ Kindes. Zugegeben, wir genießen es auch sehr, dass Krümelchen uns so ein einfaches Elterndasein ermöglicht, aber mal ehrlich, brav ist er deswegen nicht.
Brav kann nur jemand sein, der auch weiß, was brav/ schlimm bedeutet. Wenn mir ein Gebrauch nicht geläufig ist, bin ich ja auch nicht unhöflich, wenn ich es nicht so mache, wie es in der Kultur oder dem Land üblich ist. Ein Kind mit 4 Monaten kann nicht brav sein, genauso wenig wie es schlimm sein kann, denn es gibt noch keine Bedeutung zu diesen Worten.
Babys, Kleinkinder bis zu einer gewissen geistigen Reife können nur anzeigen, was ihnen gefällt, was sie gern hätten oder was sie dringend brauchen, das sind also Bedürfnisse oder von mir aus, etwas später dann schon Wünsche. Die Kommunikation ob dieses Bedürfnis/ des Wunsches ist leider im Vergleich zum Erwachsenen stark eingeschränkt. Der Großteil der Kommunikation findet noch nonverbal statt und kann je nach Dringlichkeit schon mal ordentlich bei den Dezibel in der Skala ausschlagen. Ein lautes Baby kann aber niemals mit einem schlimmen Kind gleichgesetzt werden, denn was will es denn mit dem Schreien?
Will es den Eltern absichtlich auf die Nerven gehen? Will es seine Grenzen austesten? Macht es bewusst etwas, um andere zu verletzen/ zu ärgern? Nein – es hat Hunger, Durst, Schmerzen, muss aufs Klo, braucht Körpernähe oder zeigt ein andere Bedürfnis, wie Hitze/ Kälte…
Ich finde es sehr schade, dass ich so häufig damit konfrontiert werde, wie brav unser Kind nicht sei, nur weil er ein leicht zu lesendes Kind ist. Denn erstens impliziert das, dass es auch schlimme Kinder gibt und zweitens folgt meist auf dieses Lob auch ein Vergleich mit einem anderen Kind eines Bekannten/ Verwandten, der ja ach so schlimm war, weil es ach so wenig geschlafen oder ach so viel geschrien hat.
Mir tun diese Eltern leid, denn es braucht unbeschreiblich viel Kraft und Energie, Geduld und Ausdauer für so ein Baby da zu sein ohne die Nerven hinzuschmeißen. Und es macht sie in meinen Augen weder zu schlechten Eltern, noch ist dieses Kind schlimm… Jedes Kind ist halt einfach individuell gestrickt und mache machen es ihren Eltern halt zufällig damit etwas leichter und andere etwas anstrengender. Von brav oder schlimm zu reden ist meiner Meinung nach bei Säuglingen absolut fehl am Platz, denn eine Wertung braucht es hier nicht. Weder können die Eltern des vermeindlich braven Kindes stolz sein, noch müssen sich die Eltern des vermeindlich schlimmen Kindes schämen.
Das Kind dort annehmen, wo es steht und es mit seinem Charakter begleiten – das ist so meine Philosophie, an die ich mich halte.
Ob ich froh bin, dass Krümelchen so easy ist? Klar, aber ich weiß aus eigener Erfahrung, dass ich ein Kind nicht weniger liebe oder weniger wertvoll empfinde, wenn es nicht so easy ist.

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